Die Tempelarbeit der Freimaurer ist so sagenumwoben wie der Bund selbst. Über ihn ranken sich Legenden und Sagen und er ist Gegenstand unzähliger Bücher und Schriften. 300 Jahre nach Gründung der ersten Großloge in London bemüht sich die moderne Freimaurerei im Jubiläumsjahr um Transparenz. Denn das, was Sie über den vermeintlichen Geheimbund zu wissen glauben, ist nur die halbe Wahrheit - vieles ist ein Mythos.

In Vohburgs bester Wohngegend lebt Georg Ott mit seiner Ehefrau. Seit über 50 Jahren sind sie verheiratet. Zwei erwachsene Kinder, vier Enkelkinder. Der studierte Elektrotechniker wurde 1938 geboren, kam als sudetendeutscher Flüchtling nach Geisenfeld im oberbayerischen Landkreis Pfaffenhofen. Ab 1966 ist Ott maßgeblich am Aufbau der Raffinerie in Vohburg beteiligt. Zu dem Zeitpunkt hält er bereitsdenMeistergrad inder Freimaurerloge Pappenheim „Carl zur Treue“ – sein Cousin, ein Freimaurer, hatte ihn drei Jahre zuvor empfohlen und für ihn gebürgt. Zu den Aufnahmebedingungen kommen wir später.

Georg Ott, heute Alt- & Ehrenstuhlmeister, im Interview mit unserem Magazin: „Ich bin ein Vereinstyp und habe erfahren, dass hier eine Gesellschaft auf hohem Niveau Brüderlichkeit pflegt.“ 12 Jahre war Ott Stuhlmeister seiner Loge. Aus der Pappenheimer Loge wurde 1996 die Ingolstädter Loge „Theodor zur festen Burg“. Die Loge in Pappenheim existiert nicht mehr. Nach einem Zwischenstopp in einem alten Schweineschlachthof zieht die Bruderschaft ins heutige Quartier „Tor Heydeck“, ein mystischer Ort. Ott weiter: „Der damalige Hochbauamtschef Günter Herold und Kulturreferent Gabriel Engert haben uns bei der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten geholfen und unterstützt. Die Stadt brachte die Fassade auf Vordermann, wir übernahmen den Innenausbau des städtischen Gebäudes. 250.000 DM hat uns das gekostet. Heute sind wir schuldenfrei.“

360 Euro zahlt jeder einzelne Bruder pro Jahr, 60 an der Zahl sind es derzeit. Durch Mitgliedsbeiträge wurde das Facelift im Inneren des Gebäudes finanziert. Diese Bruderschaft ist ein eingetragener Verein. Pflicht ist das aber nicht. Im Grunde kann ein Sporttrainer eine Loge gründen und seine Wasserballmannschaft Freimaurer nennen. In so einem Fall steht aber keine Großloge dahinter. Die Loge „Theodor zur festen Burg“ engagiert sich auch gemeinnützig für Einrichtungen in der Region. So weit so gut. Doch wer oder was sind die Freimaurer eigentlich genau, was ist wahr und was ist falsch? Und warum wurden sie einst in Nazi-Deutschland verboten und von der Katholischen Kirche exkommuniziert?

Die Freimaurerei unter dem Nazi-Regime und das Verhältnis zur Katholischen Kirche

Vor 300 Jahren, am 24. Juni 1717, wurde in London die erste Großloge gegründet. Seither ragen sich Mythen und Legenden um die Freimaurer, einemethischen Bund freier Menschen mit den Grundidealen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität. Friedrich II. der Grosse, König von Preußen, war Freimaurer. Luis Armstrong, Karlheinz Böhm, Winston Churchill, Clark Gable, Goethe und Mozart, Mark Twain, George Washington – sie alle sind Freimaurer gewesen. Weltweit soll es fünf Millionen Mitglieder geben, drei Millionen in den USA, rund 15.000 in Deutschland. Über diese Angaben streiten sich aber Experten. Sich öffentlich als Bruder zu bekennen, ist immer noch heikel. Warum?

1919 unterstellten antisemitische Publizisten der Freimaurerei, sie sei von Juden beherrscht. So seien die Freimaurer und die Juden verantwortlich für die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg. In jener Zeit rekrutierten sich Mitglieder der deutschen Logen überwiegend aus der Mittelklasse, Gebildeten und Wohlhabenden, und verstanden sich als Übungsstätten von Bürgertugenden wie Anstand, Respekt, Hilfsbereitschaft und Vaterlandsliebe. Sie spielten nicht zuletzt aufgrund obrigkeitlicher Protektion eine anerkannte Rolle in der deutschen Gesellschaft und ordneten sich ihrerseits loyal in die bestehende politische Ordnung ein. Die Mitgliedschaft Deutschlands im Völkerbund würde Deutschland den Freimaurern ausliefern, so die Begründung des Reichskanzlers. In Folge dessen wurden Logenhäuser geplündert, beschlagnahmt oder verwüstet. Der Wert des gestohlenen und zerstörten Eigentums deutscher Logen wird auf 50 bis 200 Millionen Reichsmark geschätzt.

Das kanonische Kirchenrecht (CIC) bestimmte 1917, dass ein Katholik allein schon durch den Eintritt in eine freimaurerische Vereinigung automatisch exkommuniziert sei. Das wurde 1974 formal entschärft, indem bestimmt wurde, dass die Exkommunikationsvorschrift nur Katholiken betreffe, die Organisationen beireten, die sich gegen die Kirche verschwören. In der Neufassung des CIC vom 27. November 1983 wird die Freimaurerei nicht mehr explizit erwähnt. Aber: einen Tag vor Inkrafttreten veröffentlichte die Glaubenskongregation, unterzeichnet von Joseph Kardinal Ratzinger (2005 bis 2013 Papst Benedikt XVI.) und genehmigt durch Papst Johannes Paul II., eine Erklärung zu den freimaurerischen Vereinigungen, die besagt, dass Gläubige, die freimaurerischen Vereinigungen angehören, sich im Stand der schweren Sünde befinden und nicht die Heilige Kommunion empfangen können. Heute werden die Freimaurer zwar nicht mehr irrtümlicherweise geächtet, dennoch outen sich Mitglieder, die für den Staat oder die Katholische Kirche in Deutschland arbeiten, nur in seltenen Fällen. In USA oder Großbritannien ist das anders. „Wir sind keine Glaubensrichtung, wir sprechen nicht über Gott oder ähnliche Wesen. Wir sprechen über Lebensphilosophien. Wir machen uns auch keine Gedanken um ein Leben nach dem Tod, wir machen uns Gedanken um das Hier und Jetzt und hinterfragen nicht die Religionsangehörigkeit von Mitgliedern“, erzählt Georg Ott.

Eine Anfrage an das Presseamt des Erzbistums München bezüglich der Einstellung der Katholischen Kirche zu den Freimaurern im 21. Jahrhundert wurde wie folgt beantwortet: (in Auszügen) „… Obwohl man grundsätzlich die humanitären Anliegen der Freimaurer würdigte, die caritative Gesinnung teilt, den freimaurerischen Einzelpersönlichkeiten deren Integrität und Qualifikation zuerkannte, kam die Deutsche Bischofskonferenz doch zu dem Ergebnis, dass eine gleichzeitige Zugehörigkeit zur Katholischen Kirche und zur Freimaurerei ausgeschlossen bliebe. Im Jahr der Veröffentlichung des neuen Kirchenrechts (Anm. d. Red.: 1983) bestätigte die Glaubenskongregation diese Sichtweise ausdrücklich.“ Bei den Freimaurern handle es sich um eine heterogene Strömung, in der unterschiedliche Vorstellungen über Gott, Religion und Rituale in den verschiedenen Logen koexistieren. Das führe heute in der Praxis zu einer - Zitat – „differenzierten Prüfung, die auf den Einzelfall abstellt und keine pauschalen Urteile fällt“. Pressesprecher Bernhard Kellner weiter: “Mit den neuen Richtlinien für das kirchliche Arbeitsrecht, das die Deutsche Bischofskonferenz 2015 veröffentlichte, wird der „religionspluralen“ Gesellschaft und den veränderten Bedingungen im Arbeitsmarkt Rechnung getragen. Stärker als bisher wird im Arbeitsrecht unterschieden nach Art des Beschäftigungsverhältnisses. Demzufolge macht es einen Unterschied, ob man als Mitarbeiter für die Diözese oder für eine kirchennahe Organisation angestellt wird und ob man in lehrender bzw. verkündender Position tätig ist. Mit Blick auf das Profil der Stelle findet zudem immer eine Prüfung des Einzelfalls statt.“

Die Islamische Weltliga erklärte in den 70er Jahren, die Freimaurerei sei unvereinbar mit dem Islam und forderte alle Muslime, die einer Loge angehören, zum Austritt auf. Das Verhältnis zu beiden Religionen bleibt angespannt.

Die Freimaurerei – Mythen und Legenden

Früher mögen die Freimaurer vielleicht eine Art Geheimbund gewesen sein. Mächtige, Reiche, Adelige, Politiker, hochrangige Militärs, aber auch Handwerker - hinter verschlossenen Türen in sogenannten Logenhäusern; worüber gesprochen und womöglich auch entschieden wurde, das durfte nicht nach außen dringen. Heute ist das anders. Überwiegend treffen sich traditionell Männer in reinen Männerlogen, aber auch Frauen in Frauenlogen. Es gibt gemischte Logen, mehrheitlich in Frankreich. Man philosophiert über das Leben, spricht über Bedürfnisse und Sorgen der Brüder oder Schwestern, nur gelegentlich über Politik. Ihre Symbole sind berühmt, was dahinter steckt, wissen nur die Wenigsten.

Das schlimmste sei die Unkenntnis, sagt Georg Ott im Interview. „Wir empfangen gerne Besuch. Regelmäßig finden öffentliche Veranstaltungen statt. Das ist zwar von Loge zu Loge unterschiedlich, aber ein Geheimbund sind wir sicher nicht. Wir pflegen Freundschaften und Geselligkeit, denken gemeinsam laut nach und versuchen, Wege zu Lebenssinn und Motivation für moralisches Handeln ausfindig zu machen.“ Ott weiter: „Vertraulich sind natürlich Gespräche mit Brüdern, die beispielsweise berufliche oder private Sorgen haben. Das hängen wir nicht an die große Glocke. Der Mittwochabend gehört der Loge. Da treffen wir uns und leisten Logenarbeit. Jeder Bruder kann aber so oft kommen, wie es die Zeit erlaubt.“ Logen- oder Tempelarbeit kann heißen: Clubabende für die Öffentlichkeit, Gespräche unter Brüdern oder Aufnahmerituale. Letztere haben sicherlich auch zum Ruf einer Geheimgesellschaft geführt. Rituale spielen eine bedeutsame Rolle. Das Ritual bildet die Logengemeinschaft ab und betont Solidarität, Identität und Grenzen der Logengruppe. „Es besitzt aber keinen Offenbarungscharakter, vermittelt keine Heilslehren und hat keine magische Qualität“, so Ott.

Rituale und die Aufnahme in die Loge

Eines der bedeutendsten Rituale ist das Aufnahmeverfahren. Es ist kompliziert. Jemand bewirbt sich über das Internet, einen Bruder oder einen Bekannten – und wird zu einem ersten Gespräch oder zu einem Besuch einer Veranstaltung eingeladen. Der Bewerber soll nun regelmäßig Veranstaltungen der Freimaurer besuchen, damit sich die Brüder ein Bild machen können - das kann Monate dauern. Der Aufnahmeausschuss führt ein finales Gespräch, im Idealfall zu Hause beim Bewerber. NachPrüfungeinesAufnahmeantragsmit Lebenslauf gibt der amtierende Stuhlmeister eine Empfehlung ab. Fällt diese positiv aus, wird die Bruderschaft informiert und es kommt zu einem sogenannten Kugeltermin. Georg Ott: „Jeder Bruder bekommt eine schwarze und eine weiße Kugel. Ein Behältnis mit einem weißen und einem schwarzen Loch wird umhergereicht. Ist ein Bruder gegen die Aufnahme, kommt die schwarze Kugel ins weiße und die weiße ins schwarze Loch. Werden bis zu drei schwarze Kugeln abgegeben, so gilt die Kugelung als leuchtend und die Aufnahme ist genehmigt. Werden mehr als drei schwarze Kugeln abgegeben, so wird der Suchende auf ein Jahr zurückgestellt. Fällt die nach einem Jahr wiederholte Kugelung wieder ungünstig aus, so ist der Suchende für immer abgewiesen.“ Bei Einigkeit wird mit dem sogenannten Suchenden ein Aufnahmetermin vereinbart, in dessen Rahmen er einen Eid abzulegen hat. Über das Gelöbnis kursieren die wildesten Gerüchte. Der Suchende wird zum Lehrling ernannt und kann innerhalb von zwei Jahren den Meistergrad erlangen. Zu den Aufnahmekriterien zählen ein guter Ruf, eine freie Denkweise und ein Mindestalter von 18 Jahren. Kriminelle werden nicht aufgenommen, betont Altstuhlmeister Ott. Religiöse Gesinnung, berufliche Qualifikationen oder die Vermögensverhältnisse spielen heute keine Rolle mehr.

300 Jahre Freimaurerei

2017 ist Jubiläumsjahr. International und bundesweit sind die Mitgliederzahlen teils drastisch zurückgegangen. In etlichen Logen ist das genau umgekehrt. Bindungen werden gesucht, Wertorientierungen haben Konjunk- tur, Nachdenklichkeit ist angesagt. Durch öffentliche Veranstaltungen wollen die Logen wie in München oder Ingolstadt ihr Jubiläum feiern und transparenter werden. Jüngst sprach Prof. Hans Hermann Höhmann im „Tor Heydeck“ öffentlich über internationale und deutsche Perspektiven der Freimaurerei. Zitat: „Entscheidend für die Zukunft wird sein, ob es der Freimaurerbund versteht, seine vielfältigen Ressourcen einzusetzen, bewährte Traditionen zu bewahren und zugleich für Innovationen offen zu sein.“ Höhmann ist seit 1958 Freimaurer und seit mehr als zehn Jahren Redner der „Großloge der Alten Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland.“ Das Geheimnis der Freimaurer Es gibt keine Geheimnisse. Oder was glauben Sie?

Der Freimaurereid

Ein Neuaufgenommener legt eine Eid ab, nachdem er eindringlich darüber belehrt wurde, dass der Bund von ihm nichts verlangen darf, was gegen die staatliche Ordnung, die Gesetze der Obrigkeit oder die Grundlehren bürgerlicher Sittenlehre verstoßen könnte. Das Gelöbnis beinhaltet die Verpflichtung, über die inneren Angelegenheiten der Loge zu schweigen.

Ein modernes Freimaurergelöbnis in vollem Wortlaut als Beispiel: „Ich gelobe als Mann von Ehre und mit dem guten Gewissen eines freien Mannes, den mir bekannten Zwecken der Freimaurerei meine besten Kräfte zu widmen, mich zu bestreben den sittlichen Forderungen des Bundes jederzeit gerecht zu werden, die Gebote des Meisters vom Stuhl und der Loge zu achten und zu befolgen, meinen Brüdern brüderlich und allen Menschen menschlich zu begegnen. Insbesondere aber gelobe ich feierlich, über das Gebrauchtum, die Erkennungszeichen und die inneren Angelegenheiten der Loge unverbrüchliche Verschwiegenheit zu bewahren, die Zusage auf Maurerwort ebenso heilig zu halten wie den bindensten Eid und aus dem Bunde nicht ohne zwingenden Grund auszutreten.“ (Großloge Lessing „Zu den drei Ringen“)

Gustl Vogl in "Wir! in Ingolstadt und Bayern - Ausgabe 38 Bayern", Fotos: Verlag, Privatarchiv, byRitchie.com