Vor 300 Jahren wurde die erste Freimaurer-Großloge der Welt in London gegründet. Die Brüder der Loge "Theodor zur festen Burg" in Ingolstadt gewähren zum Jubiläum einen Einblick in ihren Tempel.

 Einmal, zweimal, dreimal. Georg Ott bearbeitet mit einem Hammer einen hellgrauen, rauen Stein. Es ist dunkel im Tor Heydeck. Nur einige Kerzen brennen und tauchen den Tempel in ein geheimnisvolles Licht. Der raue Stein ist ein Symbol: Jeder Mensch ist ein rauer Stein und muss an sich selbst arbeiten. Daher der Hammer. Das Behauen des Steins ist Teil des Aufnahmeritus der Freimaurerloge "Theodor zur festen Burg" in Ingolstadt. Jeder Mann, der hier ein Bruder in der Gemeinschaft werden will, muss in einer Zeremonie den Stein bearbeiten. Georg Ott hat dies schon lang hinter sich - er ist seit 1963 Mitglied der Freimaurer und mittlerweile Alt- und Ehrenstuhlmeister. Dass die Freimaurer nicht erst seit den Romanen von Dan Brown Gegenstand vieler Spekulationen und Geschichten sind, liegt vor allem an den vielen Symbolen, Zeichen und Ritualen. Über die meisten von ihnen redet keiner der Brüder.

Die Freimaurer betrachten jeden Menschen als rauen Stein, der an sich arbeiten sollte. Bei der Aufnahme in den Bund der Freimaurer muss der "Lehrling" symbolisch einen rauen Stein bearbeiten. Georg Ott hat das schon lange hinter sich.Der Alt- und Ehrenstuhlmeister ist seit 1963 Freimaurer.

Dem Geheimnis verpflichtet

Das liegt vor allem am "freimaurerischen Geheimnis", dem sich jedes neue Mitglied mit dem Ablegen des Eids verpflichtet: "Insbesondere aber gelobe ich feierlich, über das Gebrauchtum, die Erkennsungszeichen und die inneren Angelegenheit der Loge unverbrüchliche Verschwiegenheit zu bewahren." Im Bezug auf die Rituale und Erkennungszeichen stimmt das auch bei der Ingolstädter Loge "Theodor zur festen Burg", die am 22. Januar 1804 von Carl Theodor Graf zu Pappenheim gegründet wurde. Jedoch möchten die Brüder im Jubiläumsjahr - vor 300 Jahren wurde die organisierte Freimaurerei begründet - möglichst viele Menschen mit ihr bekannt machen.

Freimaurer kann jeder werden, unabhängig von Hautfarbe, Religion oder gesellschaftlichem Status. Einzige Bedingung in Ingolstadt: Der Bewerber muss männlich sein, volljährig und kein Krimineller. Alle 59 Brüder, die momentan zur Loge gehören, haben eine komplizierte Aufnahmeprozedur hinter sich. Bewerben kann mans sich per E-Mail oder über einen bekannten Bruder. Dann wird der Bewerber eingeladen, damit ihn die anderen Logenmitglieder kennen lernen und prüfen können. Er soll nur regelmäßig Veranstaltungen besuchen, damit er und die anderen sich ein Bild machen können.

Alle Brüder geloben vor der Aufnahme in die Loge mit der Hand auf dem Buch des heiligen Gesetzes - in Ingolstadt eine Bibel - sich aus vollem Herzen und mit ganzer Kraft der Humanität zu widmen

Nach etwa einem Jahr und einer positiven Empfehlung des derzeitigen Stuhlmeisters Hans Schaller wird über die Aufnahme in die Bruderschaft per Kugelung entschieden.

Georg Ott erklärt das Verfahren: "Jedes Logenmitglied bekommt eine schwarze und eine weiße Kugel. Ein Behältnis mit einem schwarzen und einem weißen Loch für die Kugeln wird von den Brüdern  herumgereicht. Wer für die Aufnahme stimme, der wirft die weiße Kugel ins weiße Loch und die schwarze ins schwarze. Wer dagegen sei, mache es andersherum. "Befinden sich am Ende in der weißen Hälfte nur weiße beziehungsweise nur bis zu drei schwarze Kugeln, gilt die Kugelung als leuchtend. " Und es gibt einen Freimaurer mehr in Ingolstadt. Wenn sich mehr als drei schwarze Kugeln in der weißen Hälfte befinden , wird die Aufnahme um ein Jahr verschoben und dann erneut geprüft. Ist die Kugelung dann wieder ungünstig, ist der Bewerber für immer abgelehnt.

Weisheit, Stärke und Schönheit - das sind die drei Ideale der Freimaurerei, die bildlich dargestellt drei Hinterglasbilder des Logenhauses im Tor Heidecke zieren. Hier treffen sich die Brüder der Ingolstädter Loge "Theodor zur festen Burg".

Eine Welt voller Symbole

Bei einer leuchtenden Abstimmen wird ein neuer Termin für die Aufnahme in die Bruderschaft vereinbart. Und damit erfolgt der Eintritt in eine Welt voller Symbole. Die Organisation in einer Loge orientiert sich an einer Bauhütte: Wie bei den Handwerkern gibt es Lehrlinge, Gesellen und Meister. "Die drei Grade stehen für die drei Stufen", erklärt der Alt- und Ehrenstuhlmeister. Man beginnt als Lehrling - der Leitsatz dieser Stufe laute "Ich schaue in mich". Dann kommt der Geselle - "Ich schaue um mich". Die letzte und höchste Stufe ist der Meister. "Der Leitsatz hier ist: Ich schaue über mich. Bei manchen ist das dann Gott, bei anderen die Natur - das kann jeder machen, wie er mag", sagt Georg Ott.

Seit 11. November 2000 trifft sich die Ingolstädter Freimaurerloge im Tor Heydeck

Die Handwerker in den Bauhütten, hatten damals Steine, die sie bearbeitet haben. Bei den Freimaurern sind die Steine die Menschen. Jeder einzelne ist ein rauer Stein und bearbeitet sich selbst.  "Er klopft die Ecken ab, Die Ecken sind die Unarten. Soweit, bis er als kubischer Stein ins Mauerwerk passt. Dann wird er Geselle", beschreibt Ott der gedankliche Basis der Freimaurerei.

Am Ende seiner Lehrzeit hält jeder Bruder einen Vortrag über ein freimaurerisches Thema - die Bruderschaft nennt das "eine Zeichnung auflegen". Damit zeigt er seinen Brüdern seine Entwicklung als sogenannte spekulativer Freimaurer - also Freimaurer im Geiste - an. "Durch den Vortrag gibt man Denkanstöße", erklärt Ott.

Doch kann man dafür nicht in einen Volkshochschulkurs gehen, einen Kurs an einer Fernuniversität belegen oder ein Buch lesen? Nein, sagen die Ingolstädter Freimaurer. Denn es sein mehr als nur ein Anhäufen von Wissen. Der 25-jährige Sebastian aus Regensburg betont, dass Freimaurer keine Sekte seien. "Ich studiere Philosophie und ich kam über das Interesse an der Aufklärung zur Freimaurerei. Ich finde es positiv, dass man mit allen offen sprechen kann", erzählt er. Es herrsche ein besonderes Vertrauensverhältnis. "Man soll mit gutem Beispiel vorangehen. Nicht andere formen, nur sich selbst." Simon, der seit zwei Jahren in Ingolstadt wohnt ergänzt: "Ich habe hier gelernt, dass wenn die Menschheit selbstlos und hilfsbereit wäre, niemand ein Problem hätte." Freimaurerei sei also viel mehr als eine Lebenseinstellung.

Doch wie lange es die Freimaurerei gibt - darüber sagt jeder etwas anderes. Gotthold Ephraim Lessing ist der Meinung, dass Freimaurerei immer da war, also im Wesen der Menschen gründet. Manche glauben, dass es Freimaurerei erst gibt, seit sie organisiert ist - also seit 1717. Und manche glauben, dass die Freimaurerei in der Geschichte von Hiram gründet. Diese ist Tausende von Jahren alt. Hiram Abif war Architekt des Tempels von König Salomo in Jerusalem. Dieser wurde etwas 988 vor Christus auf dem Tempelberg errichtet. Der Sage nach wurde Hiram Abif von drei Gesellen erschlagen, die der Meinung waren, dass sie genug gearbeitet hatten, und nun das Meisterwort erfahren wollten. Sie konnten es ihm aber nicht entlocken, weshalb es für immer verloren war. Am Ende dieser Geschichte wird im Ritual zur Erhebung in den dritten Grad - also vom Gesellen zum Meister - erinnert. Die Legende wird in der Zeremonie nachgespielt. "Der dritte Grad wird erst durch den Tod beendet", erklärt Georg Ott. So wie bei Hiram.

 

"Zittere, wenn du heuchelst"

Der Bund der Freimaurerei ist also ein Bund fürs Leben. Das zeigen bereits die Tafeln in der "Dunklen Kammer", in die sich jeder bei seiner Aufnahmezeremonie setzen muss. Eine Inschrift bespielsweise lautet: "Zittere, wenn du heuchelst, denn wir werden dich erforschen." Die Erfahrung in der "Dunklen Kammer" prägt. Es ist ein winziger Raum, der sich hinter einer schmalen Tür in der Wand befindet. Auf dem Tisch stehen Blumen, und ein paar Kerzen brennen. Außerdem liegt da eine Bibel - und ein echter Totenschädel. "Ich war sehr aufgeregt", erinnert sich Stephan, der schon seit längerer Zeit Freimaurer ist. "Es kam mir vor wie eine Ewigkeit." Dabei sei es nur etwas eine Viertelstunde, wie Ott verrät. "Der Bewerber, der in der Kammer sitzt, soll über sich nachdenken und drei Fragen beantworten." Im weiteren Verlauf der feierlichen Aufnahmezeremonie bekommt er das Logenabzeichen und einen Schurz - eine besondere Aus- und Kennzeichnung für jeden Bruder. Er ist nun Freimaurer, ein Leben lang.

Zum Aufnahmeritus der Freimaurer gehört, dass der Bewerber für einige Zeit in die "Dunkle Kammer" muss

Und so verabschieden sich die Logenbrüder bei jedem Treffen, indem sie sich in einen Kreis stellen und sich an den Händen halten. Dazu sprechen sie die Worte: "Wir trennen die Kette der Hände, aber nicht die Kette des Herzens."

Elf Brüder der Freimaurerloge Ingolstadt scharen sich um den aktuellen Meister vom Stuhl Hans Schaller (unter dem Auge), und den Altar. Sie tragen schwarzen Anzug, Zylinder, weiße Handschuhe, ihr Bijou und ein Abzeichen und den Schurz - den man auf dem Foto allerdings nicht sehen kann

Doris Mayr im Donaukurier 24./25. Juni 2017 Fotos: Stefan Eberl, Johannes Hauser