Verschwiegenheit ist eine ihre obersten Disziplinen, über die Rituale die sie in ihren Logen vollziehen, bewahren sie auch heute Stillschweigen. Seit bald 300 Jahren geben die Freimaurer Außenstehenden Rätsel auf. Fehlende Antworten bieten Platz für Spekulation, nähren Mutmaßungen und Verschwörungstheorien. Sie sind keine Religion, keine Sekte, keine Partei. Doch was sind sie dann? Ein Besuch bei den Ingolstädter Freimaurern, einem gar nicht so geheimen Geheimbund.

 

Georg Ott im Tempel
Georg Ott im Tempel

Die Heydeckstraße ist eine der viel befahrenen Straßen Ingolstadts, die von Nordbahnhof und Ringstraße kommend in Richtung Innenstadt führt. Tausende fahren tagtäglich unter dem mächtigen Backsteinbau hindurch, der nun das Arbeitsamt beherbergt, als Kavalier Heydeck aber einst für die Stadtverteidigung eine strategische Funktion hatte. Stadtauswärts ist dem Kavalier ein kleines Tor vorgelagert, noch im letzten Jahrhundert schwenkte die Straße durch dieses Tor Heydeck hindurch. Nach der Begradigung und Verbreiterung des Straßenverlaufs steht das Tor nun etwas abseits des Weges. Zwar ist das Gebäude für jeden sichtbar, seine Nutzung jedoch bleibt den meisten verborgen. Im Jahr 2000, nachdem das Tor saniert und die Durchfahrten geschlossen worden waren, entstand hier ein Tempel der Freimaurer. Der Festungsbau aus dem 19. Jahrhundert ist heute Sitz der Loge „Theodor zur festen Burg“. Verstecken wollen sich die Ingolstädter Freimaurer nicht – im Gegenteil, jedem, der sich ernsthaft für ihre Arbeit interessiert, öffnen sie bereitwillig die Türen und geben Auskunft. „Wir haben aber keinen Sendungsauftrag“, erklärt Georg Ott, der „Ehrenstuhlmeister“, „wir gehen nicht aktiv nach außen, wollen nicht missionieren – aber wer uns fragt, der bekommt auch Antworten“. Bemerkenswert für eine Gemeinschaft, die vielen auch heute noch als ominöser Geheimbund gilt, um den sich zahlreiche Verschwörungstheorien ranken und dem obskure Rituale nachgesagt werden. Was ist also dran am Mythos der Freimaurer?

Forttor Heydeck
Forttor Heydeck

“Theodor zur festen Burg“

Bereits 1804 wurde die Loge von Carl Theodor Graf zu Pappenheim ebendort gegründet, 1853 wieder aufgelöst, 1962 neu gegründet. Bis 1996 residierte sie im Neuschloss des mittelfränkischen Städtchens, ehe sie nach Ingolstadt verlegt wurde – die Mehrzahl der Mitglieder kam zu diesem Zeitpunkt aus der Region um Ingolstadt. Seit 2000 hat sie ihren Sitz im Tor Heydeck.

Vom Steinmetz zum Freimaurer

Um den Bund und seine Ideen zu verstehen, ist ein Blick in die Geschichte unerlässlich. Tatsächlich waren es Steinmetze, die Baumeister der großen gotischen Kathedralen in Europa, die sich in Bauhütten zusammengeschlossen haben. Das Wissen des Berufsstandes über Handwerk, Geometrie und Statik wurde wohl gehütet und war ein Geheimnis, mit dem nur Eingeweihte betraut werden durften. Lesen und schreiben konnten die wenigsten, so dass Wissen mündlich überliefert werden musste. Zu erkennen gaben sich die Handwerker untereinander, vom Meister über den Gesellen, bis hin zum Lehrling, mit Passwörtern, Handzeichen und Symbolen, die auch heute in der Freimaurerei noch eine wichtige Rolle spielen.

Diese Bauhütten genossen großes Ansehen, gerade aufgrund des speziellen Wissens, das ihre Mitglieder hüteten. Nachdem immer weniger Kathedralen und Kirchen gebaut wurden und nach dem Aufkommen von Zünften, verloren die Hütten allmählich an Bedeutung. Fast gleichzeitig begann man sich in England mit den ersten Gedanken der Aufklärung zu beschäftigen, mit Gedanken über Freiheit, Toleranz und Fragen der Ethik – Themen die auch in den Bauhütten (englisch: lodges) diskutiert wurden. Um deren weitere Existenz zu sichern, wurden als zahlungskräftige Fördermitglieder auch Nicht-Handwerker aufgenommen – unabhängig von Geburt und Stand; in der Bruderschaft begegneten sich Adel und Bürger auf Augenhöhe. Diese „Logen“ beschäftigten sich fortan immer weniger mit praktischer Bautätigkeit, sondern eher mit philosophischen Fragen. Statt Kathedralen baute man nun am „geistigen Tempel der Humanität“ – aus der „Werkmauerei“ wurde die „spekulative Mauerei“. 1717 schlossen sich in London vier Logen zur „Großloge von England“ zusammen – die Geburtsstunde der modernen Freimaurerei. Alte Traditionen der Bauhütten, Zeichen, Symbole und Rituale behielt man indes bei, die Ideale der Aufklärung aber wurden zur leitenden Maxime, und sind es bis heute geblieben.

Ein humanistischer Geistesbund

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität – diese Ideale der Aufklärung sind auch die Ideale der Freimaurer unserer Tage. „Das Ziel der Freimaurerei liegt darin, diese Grundsätze im Alltag zu leben, um so das menschlich Gute in der Welt zu fördern“. Ein ethischer Bund also, dessen Mitglieder, sie nennen sich „Brüder“, für Menschlichkeit, Friedensliebe und soziale Gerechtigkeit eintreten. Doch es sei mehr als das. „Freimaurerei ist eine Lebensphilosophie“, sagt Georg Ott, „viele kommen zu uns, weil sie feststellen, es muss im Leben mehr geben, als nur Arbeit und Familie, als Hektik und Hast“. Im geschützten Kreis der Bruderschaft sollen die Mitglieder zu sich finden, sollen ihre Wesenszüge und ihre Eigenschaften erkennen und daran arbeiten, mit dem Ziel eines menschlicheren Verhaltens. Der sprichwörtliche „unbehauene rohe Stein“, also der Charakter, das Wesen des Menschen, soll zu einem Wohlgeformten werden – allerdings nicht durch den Druck anderer, denn „jeder muss sich selbst die Ecken abhauen, muss an sich selber arbeiten“. Anregungen und Denkanstöße hierzu will der Bund seinen Mitgliedern geben, wie der Einzelne diese für sich umsetzt, bleibt aber ihm selbst überlassen.

Über dem Stuhlmeister leuchtet das „allsehende Auge“

Aus der Tradition der Bauhütten heraus, die Steinmetze des Mittelalters waren in einer reinen Männergesellschaft organisiert, ist die Freimaurerei ein Männerbund, rund 40 Mitglieder zählt die Ingolstädter Loge – Handwerker und Ärzte, Lehrer und Kaufleute, Ingenieure und Künstler, Angehörige verschiedenster Berufe also. „Hierarchien, die draußen im profanen Leben existieren, fallen in der Loge weg – hier sehe ich den Menschen, nicht seine profane Funktion“, erläutert Christian Wölfl, der amtierende „Meister vom Stuhl“. Regelmäßig treffen sich die Brüder in ihrem Logenhaus, um hier, im sogenannten Tempel, ihre Rituale zu verrichten. „Diese Rituale haben stets den gleichen Ablauf, sie sollen mit Musik und festen Texten die Möglichkeit der Einkehr und Besinnung bieten“. Auch wenn der Vergleich inhaltlich nicht zutreffend ist, seien die festen Abfolgen vergleichbar mit den sich im Aufbau immer wiederholenden Elementen eines Gottesdienstes, auch diese schaffen Struktur und Identifikation. Hier im Tempel finden wir auch die Symbole und Zeichen der alten Baumeister wieder: Winkel, Zirkel und Waage liegen bereit, ebenso Senkblei und Hammer. Über dem Sitz des Stuhlmeisters leuchtet eine Pyramide mit dem „allsehenden Auge“, davor im Raum stehen drei Säulen, stellvertretend für „Weisheit, Stärke und Schönheit“, die symbolisch den freimaurerischen Bau tragen. Ein abgedunkelter Raum mit Kerzenlicht und leiser Musik soll die Brüder einstimmen. Wenn sie unter sich sind, tragen sie dunkle Anzüge, weiße Handschuhe und einen weißen Schurz. Auch heute noch gelten bei den deutschen Freimaurern die alten Grade aus den Gründungstagen, vom Lehrling bis hinauf zum Meister, allerdings stehen sie heute für die verschiedenen Stufen der Selbsterkenntnis. „In sich schauen, über sich schauen und um sich schauen“, so ließen sich diese Erkenntnisstufen am besten umschreiben. Neben den Ritualen ist ein Vortrag Höhepunkt ein jeder Tempelarbeit – in der Auseinandersetzung damit sollen die Brüder eigene Denkweisen festigen oder durch neue Ansätze ergänzen.

Eine verschwiegene Gemeinschaft

Wer nach den Einzelheiten der Zeremonien fragt, bekommt aber keine, oder nur ausweichende Antworten, denn Verschwiegenheit ist nach wie vor eine der obersten Disziplinen der Vereinigung. „Das was uns wichtig ist, unsere spirituellen Abläufe, behalten wir für uns, über die Rituale geben wir uns bedeckt“, erklärt Christian Wölfl. „Dieses Gefühl und die Stimmung einer Zeremonie lassen sich sowieso nicht in Worte fassen“ ergänzt Georg Ott, „auch was in der Loge oder zwischen zwei Brüdern gesprochen wird, geht nicht nach draußen“. Diese Verschwiegenheit sei zentrales Merkmal, ohne das die Freimaurerei nicht das sei, was sie ist. Ein Geheimbund sei man aber deswegen nicht, nur eben verschwiegen – und dies habe heutzutage ja auch einen besonderen Wert und stifte Vertrauen untereinander, finden die beiden. Letztlich aber war es über die Jahrhunderte eben gerade die Verschwiegenheit der Freimaurer, die Außenstehenden Platz für reichlich Spekulationen bot, die Nährboden war für Verschwörungstheorien verschiedenster Art. An diesem mitunter zweifelhaften Image will die moderne Freimaurerei arbeiten. Auch wenn sie über ihr Innerstes weiterhin Stillschweigen bewahrt, so gibt sie sich, was ihre generelle Arbeit und die Ideale betrifft, heutzutage offen. In öffentlichen Logenabenden, in Flugschriften und auf einer eigenen Internetseite (www.theodor-zur-festen-burg. de) können Interessierte Näheres erfahren. Etwa, dass der Mitgliedsbeitrag 30 Euro im Monat beträgt und der einmalige Aufnahmebeitrag bei 360 Euro liegt. Freimaurer werben keine Mitglieder, wer aber als „Suchender“ kommt, ist willkommen. Alle, die „keine Vorurteile haben und sich weiterentwickeln wollen“, so steht es da, könnten der Vereinigung beitreten, nach sechs bis zwölf Monaten des gegenseitigen Kennenlernens erfolge in der Regel die Aufnahme. Vier bis fünf neue Mitglieder kämen so pro Jahr zur Ingolstädter Loge. Man sei aber kein Religionsersatz oder eine esoterische Vereinigung, vielmehr wolle man über verbindende Werte Menschen verschiedenster Weltanschauungen oder religiöser Überzeugungen zusammenschließen.

Das allsehende Auge über dem Platz des Meisters vom Stuhl
Das allsehende Auge über dem Platz des Meisters vom Stuhl

Ist Freimaurerei eine schwere Sünde

Die bei den Freimaurern gepflegte Toleranz und Offenheit gegenüber den verschiedenen religiösen Ansichten hat ihnen oft zum Nachteil gereicht – seit Papst Clemens II. ist die Mitgliedschaft in diesem Bund mit dem katholischen Glauben nicht vereinbar. Diese Einschätzung ist zwar schon fast 300 Jahre alt, wurde aber stets erneuert und gilt heute nach wie vor. In Übereinstimmung mit Papst Johannes Paul II. erklärte der damalige Kardinal Ratzinger noch 1983, dass „ein Katholik, der zum Freimaurer wird, sich weiterhin in den Stand der schweren Sünde begebe und von der Eucharistie ausgeschlossen sei“. Umgekehrt spielt für die Freimaurer der Glaube des Einzelnen keine Rolle – dies sei seine private Angelegenheit, generell werde in der Loge nicht über Religion gesprochen. Übrigens auch nicht über Politik, da solle jeder seine eigene Meinung haben und diese für sich behalten. Trotz aller Verschwiegenheit: Wer sich mit etwas Geduld und Geschick im Internet oder in öffentlichen Bibliotheken auf die Suche macht, wird dennoch detaillierte Beschreibungen der Rituale und Zeremonien finden. Und zwischen allen Theorien, Halbwahrheiten und Mutmaßungen stößt man immer wieder auf die Behauptung, wer einmal Freimaurer geworden sei, der könne diesen Bund nicht mehr verlassen. Dies stimmt – zumindest zum Teil. Zwar kennt als eingetragener Verein auch die Satzung von „Theodor zur festen Burg“ einen Paragrafen zum Austritt, im vereinsrechtlichen Sinne. Christian Wölfl aber ist sich sicher: „Wir sagen es ist ein ‚Bund fürs Leben’, es ist ein Schritt, der sich nicht rückgängig machen lässt in der Persönlichkeitsentwicklung. Man erklimmt eine Erkenntnisstufe, die man nicht mehr verlieren kann“.

 

Quelle: Wir! in Ingolstadt und Region - Gestern Heute Morgen Ausgabe 6/2013

Text: Michael Klarner

Fotos: Ritchie Herbert