Ein Erlebnis der ganz besonderen Art wurde einigen Mitgliedern der Bonhoeffer-Gemeinde aus Germering bei München zuteil: Sie waren am Freitag Zeuge eines freimaurerischen Rituals der Ingolstädter Loge im Tor Heydeck.

 Das Interesse war enorm, der Kenntnisstand hingegen eher gering. "Ich weiß über die Freimaurerei praktisch gar nichts", sagte beispielsweise Phillip aus Germering. Der 25-Jährige mit der Pomade im Haar und den umgekrempelten Jeans gehört eigentlich eher zur Rockabilly-Szene. Doch wie viele andere auch interessiert es ihn brennend, was eigentlich in einer Loge alles passiert. Deswegen nutze er die Gelegenheit, mit der evangelischen Gemeinde die Ingolstädter Loge "Theodor zur festen Burg" zu besuchen. Eingefädelt hat den Termin der evangelische Pfarrer von Germering, Matthias Pöhlmann arbeitete zuvor bei der evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfrage in Berlin, hat Bücher über Freimaurerei veröffentlicht und seine Gemeinde zuvor auch aufgeklärt.

Dennoch war unter den Gästen anfangs eine vorsichtige Neugier, teilweise auch ein gewisses Befremden zu spüren. "Das ist wie ein Ausflug in eine andere Welt", brachte eine junge Frau ihre Verwunderung zum Ausdruck. Kaum hatte sie das Tor Heydeck betreten, erblickte sie und die übrigen Gäste ein Dutzend würdevolle Herren in schwarzen Anzügen und mit weißen Handschuhen und Zylinder - bei den Freimaurern Tradition. Vor dem feierlichen Einzug mahnte der Zeremonienmeister mit seinem Stock an, "ungebührliche Gespräche" zu unterlassen. Unter Klavierbegleitung (zur Feier des Tages gab es ausnahmsweise Livemusik mit Stücken von Mozart und Haydn) schritten dann alle in den Logenraum.

Unter einem Tonnengewölbe sitzt, etwas erhöht vor einem Vorhang mit dem erleuchteten Auge der Weisheit darüber, der Leiter der Loge, der Meister vom Stuhl. Vor ihm ein Tisch, Altar genannt mit der Bibel darauf, ihm zur Seite weitere Logenbrüder, darunter der Redner, der einen Vortrag hält (in diesem Fall über Freimaurerei) oder in der Sprache der Loge: eine Zeichnung auflegt. Ihm gegenüber die Aufseher vor ihren Tischchen, in der Hand einen Hammer.

Meister vom Stuhl Christian Wölfl Unter dem Auge der Weisheit sitzt Christian Wölfl, der Meister vom Stuhl der Ingolstädter Loge. Schwarzer An- zug, Zylinder und Bijou, das blaue Band mit dem Anhänger, gehören zur Zeremonialkleidung der Freimaurer. Die Ingolstädter Loge zählt rund 40 Mitglieder und wurde 1804 gegründet (Foto: Rössle)
Meister vom Stuhl Christian Wölfl Unter dem Auge der Weisheit sitzt Christian Wölfl, der Meister vom Stuhl der Ingolstädter Loge. Schwarzer Anzug, Zylinder und Bijou, das blaue Band mit dem Anhänger, gehören zur Zeremonialkleidung der Freimaurer. Die Ingolstädter Loge zählt rund 40 Mitglieder und wurde 1804 gegründet (Foto: Rössle)

Meister vom Stuhl Christian Wölfl Unter dem Auge der Weisheit sitzt Christian Wölfl, der Meister vom Stuhl der Ingolstädter Loge. Schwarzer Anzug, Zylinder und Bijou, das blaue Band mit dem Anhänger, gehören zur Zeremonialkleidung der Freimaurer. Die Ingolstädter Loge zählt rund 40 Mitglieder und wurde 1804 gegründet (Foto: Rössle)

Das Ritual selbst umfasst das feierliche Anzünden mehrerer Lichter, ein formalisiertes Frage-Antwort-Gespräch zwischen Meister und Aufsehern, ein kurzer Vortrag, das Löschen der Lichter und als Abschluss eine Menschenkette und ein Lied. Meister vom Stuhl Christian Wölfl bezeichnete die Loge als "Tempel der Humanität". Als Bund in der Einheit von Idee, brüderlicher Gemeinschaft und symbolischem Erlebnis, treten die Freimaurer nach eigenem Bekunden für Menschlichkeit, Toleranz, Friede und soziale Gerechtigkeit ein. Sie vereinen Männer (es gibt aber auch Frauenlogen) unterschiedlicher Weltanschauung, Religion und politischer Einstellung. So kann statt der Bibel auch ein Talmud oder ein Buch mit weißen Seiten auf dem "Altar" liegen - das Buch steht nur für das "Unvergängliche", wie alles bei den Freimaurern stark ritualisiert ist. "Das Geheimnis ist nicht in den Worten zu suchen, sondern im Erleben", beantwortete Wölfl die oft gestellte Frage nach dem verborgenen Wesen des Bundes. Die Demonstration freimaurerischer Arbeit hatte das Interesse der Gäste freilich nur noch gestärkt. Vor allem die Rituale machten natürlich neugierig. Doch ging es auch um theologische Fragen. Während die katholische Kirche an einer prinzipiellen Unvereinbarkeit festhält, hat die evangelische Kirche keine Einwände. Doch bleiben noch Fragen hinsichtlich der "impliziten Religiosität" so Pfarrer Pöhlmann, und in Bezug auf die Rechtfertigungslehre.

Quelle: Donaukurier, Montag 17. September 2012, Seite 21