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Die Tempelritter sind wieder auferstanden. Zumindest im Film "Der Da Vinci Code" nach dem Roman "Sakrileg" von Dan Brown, der diese Woche in den Kinos angelaufen ist. Das ist Wasser auf die Mühlen der Gerüchteköche und der Verschwörungstheoretiker. Und mitunter nehmen es selbst an sich seriöse Medien nicht allzu genau, wenn sie über mysteriöse Geheimbünde berichten und dabei Tempelritter, Rosenkreuzer, Illuminaten und Freimaurer in einem Atemzug nennen. Mit all dem haben die Freimaurer aber so gar nichts zu tun. Die Ingolstädter Freimauerloge "Theodor zur festen Burg" etwa hat auch nicht das Geringste zu verbergen.

 

Da hatte sich bereits im Herbst des vergangenen Jahres so mancher gewundert. Als die Ingolstädter Freimaurerloge "Theodor zur festen Burg“ im Rahmen des "Tages des offenen Denkmals“ ihr Logenhaus im Tor Heydeck öffnete. Die Überraschung war beiderseits groß: Bei den Besuchern, weil sie plötzlich Zugang hatten in eine Welt, die sie bis dahin für absolut geheim gehalten hatten.

Und bei den Freimaurern, die sich über den überwältigenden Zustrom von über 500 interessierten Gästen freuten. Das vermeintliche Geheimnis jedoch wurde an diesem Tag nicht gelüftet. Weil es dieses, in der Form wie es über düstere Gerüchte jahrhundertelang verbreitet wurde, erst gar nicht gibt.

Dass an der heutigen Freimaurerei eigentlich so gar nichts geheim ist, weiß man allerdings nicht erst seit diesem Tag. Wer nämlich mehr zum Thema allgemein erfahren möchte, kann sich längst schon in jeder guten Bibliothek anhand in vielfältiger Form vorliegender Literatur informieren. Und wer sich speziell für die Ingolstädter Loge interessiert, braucht nur einen Klick auf die Homepage von "Theodor zur festen Burg“ unter: www.freimaurer.org/loge.ingolstadt im Internet zu machen. Außerdem gibt es jedes Jahr einen für die interessierte Öffentlichkeit zugänglichen Clubabend mit Vortrag und anschließender Diskussionsrunde zum Thema Freimaurerei. Die Teilnahme daran ist ebenso aufschlussreich wie ernüchternd: Denn nichts ist dran an all den Gerüchten über den vermeintlichen Geheimbund.

Spätestens seit dem Start des Films "Der Da Vinci Code“ in den deutschen Kinos sind tatsächliche und vermeintliche Geheimbünde wieder in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt. In dem Streifen nach dem Roman "Sakrileg“ von Dan Brown sind es die Tempelritter. Jahrhundertelang wurden auch die Freimaurer in die Ecke mysteriöser Geheimbünde gestellt. Zu Unrecht, wie man längst weiß. Die Ingolstädter Loge "Theodor zur festen Burg“ ist der beste Beweis dafür. Sie ist alles andere als ein Geheimbund, aber sie wirkt als verschwiegene Gesellschaft ohne großes Aufheben im Stillen.

Was aber nun ist Freimaurerei wirklich? Was verbirgt sich dahinter? Wer kann Freimaurer werden? Und was muss man tun dafür? Viele Bücher sind darüber geschrieben worden. Ein Ingolstädter Freimaurer sagte einmal dazu: "Man kann zehn Fragen stellen und bekommt zwölf Antworten.“ Auf eines aber legte etwa Ulrich Seeckt beim Tag des offenen Denkmals im zurückliegenden Jahr in seiner Eigenschaft als Redner der Loge vor über 500 interessierten Gästen im Logenhaus – dem Torbau Heydeck – größten Wert: "Wir sind keine Sekte, Religion oder Partei.“

Gotthold Ephraim Lessing fasste es folgendermaßen zusammen: "Die wahren Taten der Freimaurer sind so groß, so weit aussehend, dass ganze Jahrhunderte vergehen können, ehe man sagen kann: Das haben sie getan. Gleichwohl haben sie alles Gute getan, was in der Welt ist . . . und fahren fort an all dem Guten zu arbeiten, was noch in der Welt werden wird.“

Ein anderer Ingolstädter Freimaurer, der Rechtsanwalt Egon Hanisch, zählte an anderer Stelle einmal amüsiert die Attribute auf, die der Volksmund den Freimauren auch heute noch häufig zuschreibe: "Sie beten den Teufel an, sind Ketzer, frönen dem Kannibalismus, gewinnen immer beim Kartenspiel, zwei Konkurse werden von den Brüdern gedeckt, der dritte zieht den Freitod nach sich.“ Und sagt gleichzeitig: "Freimaurerei zu definieren, ist eine sehr subjektive Angelegenheit. Für mich ist es eine Methode, das Leben menschlicher zu machen.”

Stichwort Humanität: Ein guter Ansatz, um das Wesen der Freimaurerei vielleicht etwas verständlicher zu formulieren. "Wir bauen am Tempel der Humanität“, umschreiben Freimaurer selbst gerne ihr Tun. Ziel der Freimaurerei ist es in diesem Zusammenhang, den besseren Menschen und die bessere Welt zu schaffen. Allerdings nicht in Form von Ideologien, Massenbewegungen oder gesellschaftspolitischen Offensiven, die die Übernahme der Weltherrschaft – wie es den Freimauren oft vorgeworfen wurde – zum Ziel hat. So widerspricht die Freimaurerei eindeutig der marxistischen Formel, derzufolge der Veränderung des Menschen die Veränderung der Gesellschaft vorauszugehen habe, mit der genau umgekehrten These: "Erst muss der Mensch sich ändern, dann wird sich auch die Gesellschaft ändern.”

Die Freimaurer in Ingolstadt und auf der ganzen Welt arbeiten an diesem "besseren Menschen“ auf die gleiche Art und Weise. Sie arbeiten ständig an ihrer eigenen Vervollkommnung und nennen es "Die Arbeit am rauen Stein“, also an sich selbst, um sich so auf bestmögliche Art in den gelungenen Bau des Tempels der Humanität einzufügen.

Eine sehr symbolhafte Sprache, die den Freimaurern einerseits viel Unverständnis und Ablehnung eingebracht hat, andererseits aber auch zu den Wurzeln der Entstehung in den Dombauhütten des Mittelalters führt.

Denn die Freimaurerlogen haben sich aus den einstigen Steinmetzbruderschaften entwickelt. Diese Handwerker nahmen zunehmend Bürger, Adelige, Wissenschaftler, Künstler und Philosophen auf. So fanden die Gedanken der Toleranz und der Humanität, formuliert von englischen Philosophen wie John Locke und David Hume, Eingang in die traditionsreichen ersten Bauhütten (engl.: lodges = Logen) der Steinmetze. In den Logen verbanden sich erstmals Menschen über religiöse, politische und soziale Grenzen hinweg zu einer Bruderschaft. Der ersten Großloge in London folgten Logen in Rom, Hamburg, Paris, Boston, Kalkutta. . . und in Pappenheim.

In Pappenheim liegen die Wurzeln der Ingolstädter Freimaurer, die sich heute regelmäßig zu Clubabenden im Donau-Hotel treffen.

Und zu ihren traditionsreichen und symbolträchtigen Ritualen in ihrem Logenhaus im Torbau Heydeck. Gekleidet mit dunklem Anzug, weißen Handschuhen. Mancheiner mit Zylinder auf dem Haupt sogar. Mit dem Schurz des Maurers und dem Bijou – dem Zeichen der Loge. Diese Rituale im Detail zu beschreiben, würde möglicherweise zu neuerlichen Missverständnissen führen. Und das, sagt ein Ingolstädter Freimaurer, sei auch heute noch das einzige Geheimnis: "Denn Freimaurerei lässt sich eben nicht einfach nur beschreiben. Sie ist nur verständlich, wenn man sie selbst spürt und erlebt.“

Xtra-Blatt 20. Mai 2006